Gedanken zum Muttertag

Für meine Mama – für alle Mamas dieser Welt – in tiefer Dankbarkeit und Liebe

Eigentlich bietet jeder Tag zahllose Möglichkeiten, Danke zu sagen – aber es fühlt sich auch gut an, an einem besonderen Tag ein besonderes Danke auszusprechen …  Was mir dazu am Muttertag durch den Kopf ging, hängt mit einem Erlebnis der letzten Tage zusammen – mitten im Gespräch mit einer älteren Dame über „Gott und die Welt“ unterbrach sie sich plötzlich, nestelte eine Zeitung hervor:

„Hier!!! Schau!!! Arbeitest du etwa auch so??? Da haben wir alles aufgebaut, damit es unseren Kindern mal gut geht – und jetzt sind wir auch noch schuld, dass sie ihre Kindheit aufarbeiten müssen!!! Uns hat auch niemand nach unserer Kindheit gefragt!!! Wir haben damals einfach die Ärmel hochgekrempelt und getan, was getan werden musste!“ Völlig aufgebracht wies sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Einladung zu einem Vortrag über „Kriegsenkel“, über die Folgen, wenn traumatisierte Eltern unbewusst ihre verborgenen Ängste an ihre Kinder weitergeben.

Die ältere Dame war richtig zornig – aber da war noch etwas Anderes, Tieferes: sie fühlte sich in all dem, wofür sie ihr Leben lang gearbeitet hatte, nicht gesehen, nicht wertgeschätzt.

Das hat mich sehr berührt, sehr nachdenklich gemacht – zumal mir als erster Blitzgedanke auf diesen unerwarteten Ausbruch ebenfalls ein „… du siehst mich nicht, verstehst nicht, was mich bewegt!“ durch den Kopf schoss.

Zwei Weltkriege, dazwischen die Weltwirtschaftskrise– der Kampf um’s Überleben hat unsere Großeltern und unsere Eltern geprägt. Sie haben nach 1945 Unglaubliches geleistet, um aus den Trümmern im Außen und trotz der traumatischen Erlebnisse ihrer Seelen im Inneren, ein Land wie das unsere zu schaffen und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Aber kaum jemand hat nach ihren Verletzungen, ihren Ängsten gefragt, die viele der Älteren noch immer – gut verschlossen – in sich tragen. … von denen sie einen Teil unbeabsichtigt, ungewollt und unbewusst an ihre Kinder weitergegeben haben.
Wer könnte nicht nachvollziehen, dass Menschen, die als Kinder Bomben, Zerstörung und den Kampf um’s Überleben erlebt haben, dem wachsenden Wohlstand der 50er und folgenden Jahre mit der Angst begegneten, es könnte ihnen wieder alles genommen werden?
Wer könnte nicht nachvollziehen, dass Kinder der „Wohlstands-Jahre“, Kinder ohne die Kriegserlebnisse ihrer Eltern, durch diese ständige, latente Angst stark verunsichert waren, weil sie sie nicht verstehen konnten? … nur ein Beispiel von vielen …

Vielleicht ist es so, dass die Aufgabe unserer Eltern-Generation darin bestand, den äußeren Rahmen für eine neue, friedlichere Zukunft zu schaffen und die Aufgabe unserer und der kommenden Generationen sein wird, den Krieg im Inneren, in unseren Herzen, unseren Seelen,  die Verletzungen und Ängste der Kriege des letzten Jahrhunderts aufzulösen …

Ohne Veränderung der „vererbten“ Erfahrungen und Traumata, ohne inneren Frieden, ist äußerer Frieden eine sehr fragile Konstellation. Sie funktioniert nur solange, wie die Machtbalance der Beteiligten ausgeglichen ist. Gelebter Frieden hingegen kommt aus dem eigenen Herzen und gründet sich auf Vertrauen in uns selber und in andere …

Wir Frauen sind diejenigen, die Leben schenken. Jedes neue Leben ist ein neuer Anfang. Vielleicht sind deshalb gerade Frauen diejenigen, denen es leichter fällt, Veränderungen zu kreieren und zu leben. Aber mancher Veränderungswillen wird von dem Wind des Unverständnisses davongetragen. Wäre es nicht viel besser, wenn wir uns gegenseitig zuhören und gemeinsam kreativ werden?

 

Liebe ältere Mamas:
Ihr seid stark gewesen, um uns ein besseres Leben zu schenken.
Ihr habt aus Trümmern und dem Nichts Häuser und ein Wirtschaftswunder geschaffen.
Unsere Aufgabe wird das Lernen und Lehren sein, Grenzen und Begrenzungen abzubauen, unsere Herzen für Neues zu öffnen, unbewusste Ängste loszulassen - ohne unsere eigene Mitte dabei zu verlieren.

Wir wissen genauso wenig, wie ihr, wie dieser Weg aussehen wird. Wir wissen aber, dass wir ihn suchen müssen, um für uns, unsere Kinder und deren Kinder eine harmonischere Welt zu schaffen.
Frieden unter den Menschen bedeutet nämlich auch Heilung für Mutter Erde, denn friedliche Menschen können unsere Welt nicht so achtlos behandeln, wie es gerade jetzt noch passiert.

Ich bitte euch, urteilt nicht über uns, wenn wir andere Wege gehen, als die, die ihr gegangen seid. Vertraut uns und begleitet uns liebevoll auf dem neuen Weg in eine friedlichere Welt.

Liebe jüngere Mamas:
Lasst uns nie vergessen, was unsere Eltern für uns getan haben. Wie oft sie mit uns gelacht haben, obwohl ihnen zum Weinen war, wie oft sie versucht haben, ihre Sorgen, ihre Ängste vor uns zu verbergen, um uns nicht zu belasten.  Und lasst uns nicht vergessen, dass unsere Mütter und Väter selber ein Leben lang mit ihren Ängsten (vielleicht viel zu) oft alleine waren, uns trotzdem alles gegeben haben, was sie konnten.
Wenn wir uns auf den Weg der Heilung für die Seele machen, wenn wir lernen, verborgene Ängste loszulassen, uns für Wege entscheiden, die unsere Eltern vielleicht nicht immer verstehen werden, können wir das nur, weil sie uns so viel mitgegeben haben. Ohne sie wären wir nicht diejenigen, die wir heute sind – alles, was sie uns gegeben haben, hat uns reich an Erfahrungen gemacht, an denen wir wachsen konnten.

Lasst uns einfach öfter DANKE sagen – auch dann (vielleicht gerade dann!), wenn wir uns mit unseren Mamas und Papas mal nicht so gut verstehen.

 

In diesem Sinne wünsche ich allen Mamas, allen Menschen, dass wir uns gegenseitig ohne zu urteilen oder zu verurteilen, liebevoll mit all unseren Licht- und Schattenseiten sehen und annehmen können.

Frieden und Harmonie beginnt in jeder und jedem von uns selber 😊

 

Eines meiner Lieblingszitate passt zu diesem Thema vielleicht besonders gut:
"Du hast noch nie etwas falsch gemacht, wirst auch nie etwas falsch machen. Du wirst dich höchstens aufgrund dessen, was du jetzt gerade lernst, das nächste Mal für etwas Anderes entscheiden."
Marshall Rosenberg

 

 

*Anm.: Kriegsenkel-Arbeit bedeutet, dass Erfahrungen bewusst oder unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben werden – die These lautet, dass ohne Aufarbeitung der unbewussten Prägungen unserer Eltern und Großeltern im Unterbewusstsein über Generationen präsent bleibt und damit das Handeln und die persönliche Entwicklung der folgenden Generationen beeinflusst